
Wenn das Eis blutet
Die Frostmorde von Falkenrode
Eine Wunde ohne Klinge. Eine Waffe, die schmilzt. Und nur einer, der hinsieht.
- Autor·in:
- Jürgen Vogel
- Sprecher·in:
- KI-Stimme
- Laufzeit:
- ca. 5 Std. 44 Min.

Die Geschichte
Über das Hörbuch
Harz, Januar 1408. Der härteste Winter seit Menschengedenken hat Burg Falkenrode in Eis gelegt. Als der Stallknecht im Morgengrauen tot an der Tränke liegt, durchbohrt von einer Waffe, die niemand findet, und ohne eine einzige fremde Spur im frischen Schnee, steht für den Vogt fest: Das war der Teufel. Und der Teufel hat Helfer – den gelehrten Arzt aus Byzanz und seine Tochter Anna, die liest und rechnet wie ein Mönch.
Nur einer glaubt nicht an Hexerei: Kilian, siebzehn, Bauernsohn mit einem verkrüppelten Bein und einem selbstgeschnitzten Krückstock. Alle übersehen ihn. Genau deshalb sieht er, was anderen entgeht.
Gemeinsam mit Guda, einer gerissenen Marktfrau mit falschen Reliquien und einem Gedächtnis für jede Schuld, beginnt Kilian heimlich zu ermitteln. Doch die Toten werden mehr, die Burg schreit nach dem Scheiterhaufen, und der Vogt hat eigene Gründe, die Wahrheit zu fürchten. Als der Burgherr sein Urteil spricht, bleiben Kilian nur zwölf Stunden – bis zur Frühmesse.
Ein atmosphärischer historischer Kriminalroman über Aberglauben und Verstand, über Freundschaft, eine erste Liebe und den Mut, genau hinzusehen.
- Historischer Krimi
- Mittelalter
- Whodunit
- Harz
Zehn Jahre zuvor auf Burg Falkenrode: Guda und der junge Kilian in „Die Nadel des Inquisitors“. Zu „Die Nadel des Inquisitors“

Hörbuch & Datei-Details
- Autor
- Jürgen Vogel
- Sprecher
- KI-Stimme
- Laufzeit
- ca. 5 Std. 44 Min.
- Sprache
- Deutsch
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Personen der Handlung
Ohne Spoiler · Burg Falkenrode im Harz, im Januar des Jahres 1408
Im Mittelpunkt
- Kilian
- Bauernsohn, siebzehn Jahre alt. Geht seit seiner Kindheit am Krückstock und wird deshalb gern übersehen. Dafür sieht und hört er mehr als alle anderen.
- Anna
- Tochter des Arztes Timotheos, aus Konstantinopel. Sechzehn Jahre alt, klug, neugierig und nicht bereit, den Mund zu halten. Ihr Vater nennt sie „Annoula“.
- Guda
- Fahrende Händlerin mit Bauchladen. Verkauft Nadeln, Gewürze, Salben und Reliquien von zweifelhafter Herkunft. Kennt die Menschen und hat für alles ein Sprichwort.
- Meister Timotheos
- Gelehrter Arzt aus Byzanz. Trägt Augengläser, behandelt den Burgherrn und beobachtet nachts die Sterne.
Kilians Familie
- Ulrich
- Kilians Vater, Bauer im Dorf unter der Burg. Ein großer, wortkarger Mann.
- Elsbeth
- Kilians Mutter.
- Grete
- Kilians Schwester, sieben Jahre alt und neugierig wie eine Elster.
Die Herren der Burg
- Freiherr Eberhard von Falkenrode
- Der Burgherr. Ein alter Krieger, dessen Augenlicht schwindet.
- Vogt Dietmar
- Verwalter der Burg und Herr über das Gericht. Trägt viele goldene Siegelringe und wird gefürchtet.
- Rittmeister Wolfram
- Anführer der Burgwache. Laut, stämmig und dem Met zugetan.
- Pater Benedikt
- Der Burgkaplan. Streng und schnell mit dem Wort „Teufelswerk“.
- Veit
- Schreiber des Vogts. Führt in der Burgkanzlei die Urkunden und Rechnungen.
Auf der Burg
- Meister Ruprecht
- Baumeister der neuen Ostmauer. Hat in Goslar bei einem Glockengießer gelernt.
- Hennig
- Stallknecht. Prahlt mit einem neuen Mantel, den er sich von seinem Lohn nicht leisten kann.
- Lorenz
- Hennigs jüngerer Bruder, Mundschenk des Freiherrn.
- Mechthild
- Alte Heilerin und Kräuterfrau der Burg. Hilft an Festtagen in der Küche.
- Irmel
- Kammermagd des Vogts.
- Jost und Merten
- Zwei junge Wachsoldaten.
- Nickel
- Ein kleiner Junge auf der Burg.
- Der Küster
- Hütet die Burgkapelle und sagt zu einem Krug Met nie Nein.
Schauplätze
- Burg Falkenrode
- Burg im Harz, hoch auf einem Felsen über dem Dorf. Dazu gehören der Bergfried, der Palas (das Wohnhaus des Burgherrn), die Kapelle, die Vorburg mit Ställen, Schmiede, Backhaus und Brunnen sowie die neue Ostmauer.
- Goslar
- Handelsstadt im Harz, aus der der Händlerzug kommt.
Hörprobe
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Leseprobe
Kapitel 1 · Der hölzerne Schritt
Der Winter war in diesem Jahr nicht gekommen. Er war eingefallen, wie ein Heer, das keine Gefangenen macht.
Am vierten Tag des Januars, im Jahr des Herrn 1408, lag der Schnee im Dorf unter Burg Falkenrode so hoch, dass die Hütten nur noch wie weiße Buckel aussahen, aus denen dünner Rauch stieg. Die Bäume am Waldrand knackten in der Kälte, als würde jemand in der Ferne Knochen brechen. Am Morgen hatte Kilian zwei Spatzen im Hof gefunden. Sie lagen nebeneinander im Schnee, die Füße nach oben, steif wie kleine Holzfiguren. „Erfroren im Flug“, hatte die Mutter gesagt und sich bekreuzigt.
Kilian stand am Holzstoß hinter dem Stall und schlug das Beil in einen gefrorenen Buchenklotz. Das Holz gab nicht nach. Er zog das Beil heraus, verlagerte sein Gewicht auf das rechte Bein und schlug noch einmal zu. Das linke Bein hielt er dabei leicht angewinkelt, so wie er es seit seiner Kindheit tat. Es war dünner als das rechte und kürzer, und an kalten Tagen schmerzte es bis hinauf in die Hüfte. Neben ihm lehnte der Krückstock am Stall, ein schweres Stück Eschenholz, das er mit zwölf Jahren selbst geschnitzt hatte. Der Griff war vom vielen Halten glatt und dunkel geworden.
Beim dritten Schlag sprang der Klotz auseinander.
„Das reicht für heute, Junge“, sagte sein Vater hinter ihm.
Kilian hatte ihn nicht kommen hören. Ulrich ging leise, für einen so großen Mann. Er stand im Stalltor, die Arme vor der Brust verschränkt, den Bart voller Reif.
„Die Vorburg braucht Holz“, sagte Kilian. „Der Kämmerer zahlt zwei Pfennige mehr für den Schlitten als im Herbst.“
„Weil die Leute dort oben frieren wie wir hier unten.“ Ulrich trat näher und betrachtete den Holzstapel auf dem Schlitten. „Das schaffst du nicht den Burgweg hinauf. Nicht bei diesem Schnee.“
„Ich habe es letzte Woche auch geschafft.“
Der Vater sagte nichts. Er sagte oft nichts, und Kilian hatte gelernt, dass sein Schweigen mehr Bedeutungen hatte als die Worte anderer Leute. Dieses Schweigen hieß: Ich mache mir Sorgen, aber ich werde es dir nicht sagen, weil du sonst glaubst, ich halte dich für schwach.
Kilian hielt sich selbst nicht für schwach. Er wusste nur, was er konnte und was nicht. Er konnte nicht rennen. Er konnte nicht mit den anderen Burschen über die Gräben springen oder beim Tanz an Kirchweih herumwirbeln. Aber er konnte stundenlang still sitzen, ohne dass ihm langweilig wurde. Er konnte zuhören, ohne dass die Leute merkten, dass er zuhörte. Und er konnte einen schwer beladenen Schlitten den Burgweg hinaufziehen, wenn er sich Zeit nahm.
Aus der Hütte trat die Mutter, ein Tuch um den Kopf gewickelt, in der Hand ein kleines Bündel. Hinter ihr lugte Grete hervor, seine Schwester, sieben Jahre alt und neugierig wie eine Elster.
„Brot und ein Stück Speck“, sagte Elsbeth und schob ihm das Bündel unter den Mantel. „Und komm zurück, bevor es dunkel wird. Heute soll der Händlerzug aus Goslar kommen, dann ist oben alles voller fremder Leute.“
„Bringst du mir was mit?“, fragte Grete.
„Wenn ich zwei Pfennige mehr bekomme, bringe ich dir ein Band mit“, sagte Kilian. „Ein rotes.“
Grete strahlte. Der Vater brummte etwas, das wie Verschwendung klang, aber er lächelte dabei, kaum sichtbar, unter dem gefrorenen Bart.
Kilian griff nach seinem Stock, legte sich das Zugseil über die Schulter und zog los.
Der Burgweg wand sich in drei langen Kehren den Felsen hinauf. Oben thronte Burg Falkenrode, grau und schwer gegen den weißen Himmel. Der Bergfried ragte über alles hinaus, links davon der Palas mit seinen schmalen Fenstern, rechts die Kapelle mit dem spitzen Dach. Und ganz im Osten, wo der Fels steil zum Tal abfiel, stand die neue Ostmauer. Sie war hell, fast weiß, ganz anders als die alten, dunklen Mauern ringsum. Zwei Jahre hatten die Bauleute daran gearbeitet. Kilian hatte als Junge oft am Fuß des Berges gesessen und zugesehen, wie die Steine an Seilzügen hinaufschwebten.
Der Schnee knirschte unter den Kufen. Bei jedem Schritt klackte der Krückstock auf den gefrorenen Boden. Klack, Schritt, ziehen. Klack, Schritt, ziehen. Kilian zählte die Schritte nicht mehr. Er hatte vor Jahren damit aufgehört, weil die Zahlen ihn nur müde machten. Stattdessen sah er sich um. Er sah die Fußspuren eines Fuchses, die sich quer über den Weg zogen und im Unterholz verschwanden. Er sah, dass der alte Ast an der zweiten Kehre unter dem Schnee gebrochen war. Und er sah, dass vor ihm bereits ein anderer Schlitten den Berg hinaufgezogen worden war, ein breiterer als seiner, mit schmalen, tiefen Spuren. Jemand hatte etwas Schweres nach oben gebracht. Steine vielleicht. Oder Blei aus den Gruben.
Als er das äußere Tor erreichte, brannten seine Lungen, und sein linkes Bein zitterte. Zwei Wachen standen unter dem Torbogen, die Hände in den Achseln vergraben.
„Sieh an, der Holzwurm“, sagte der eine und grinste. „Kommst du auch noch rein, bevor Ostern ist?“
Kilian ließ den Kopf hängen und schlurfte noch etwas langsamer als nötig an ihnen vorbei. Er hatte früh gelernt, dass die Leute einen Hinkenden gern hinken sehen. Es beruhigte sie. Wer schwach wirkt, über den spricht man, als wäre er gar nicht da. Und wer nicht da ist, hört alles.
Die Vorburg war ein unregelmäßiger Platz zwischen der äußeren und der inneren Mauer. Hier standen die Ställe, die Schmiede, das Backhaus, die Hütten der Mägde und Knechte und ein paar windschiefe Buden, in denen an Markttagen gehandelt wurde. In der Mitte lag der Brunnen, zugefroren bis auf ein kleines Loch, das jemand jeden Morgen mit der Axt aufschlug. Daneben die lange steinerne Tränke vor dem Pferdestall, darüber in der Mauer der dunkle Erker der Pechnase, aus dem man in alten Zeiten heißes Pech auf Angreifer gegossen hatte.
Kilian lieferte das Holz beim Kämmerer ab, einem dicken Mann mit roter Nase, der ihm tatsächlich zwei Pfennige mehr gab und dabei so tat, als täte es ihm körperlich weh. Dann setzte sich Kilian auf ein umgedrehtes Fass neben dem Brunnen, aß sein Brot und wartete. Er wollte den Händlerzug sehen. Und er wollte wissen, was die Leute redeten.
Am Pferdestall arbeitete Hennig, der Stallknecht, ein breitschultriger Kerl mit einer Narbe am Kinn. Er schlug mit einem Eisenhaken das Eis in der Tränke auf und pfiff dabei ein Lied, das Kilian nicht kannte. Es klang fröhlich. Zu fröhlich für einen Morgen, an dem einem die Finger am Eisen festfroren.
„Hennig!“, rief eine Magd vom Backhaus herüber. „Wofür hast du dir den neuen Mantel geleistet? Hast du einen Schatz gefunden?“
Hennig lachte. „So ähnlich. Und im Frühjahr kaufe ich mir ein eigenes Pferd. Dann kannst du mich um Verzeihung bitten, dass du mich letzten Sommer abgewiesen hast.“
Die Magd warf eine Handvoll Schnee nach ihm. Hennig duckte sich und lachte noch lauter. Kilian betrachtete den Mantel. Er war aus gutem, dickem Wolltuch, braun gefärbt, mit einem Pelzkragen. Kein Stallknecht konnte sich so etwas von seinem Lohn leisten. Nicht in zehn Jahren.
Wie es weitergeht, erfährst du im Hörbuch.
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